


Dies ist ein Text, der eigentlich sehr privat von mir geschrieben wurde. Ich sitze oft nächtelang daran und schreibe mir alles von der Seele. Mein größter Wunsch ist es, eines Tages ein Buch raus zu bringen.
Ein Buch über das Leben und über mich. Ich möchte, dass andere Leute über mich lesen, vor allem die Menschen, die glauben mich zu kennen.
Nun sitze ich hier. Eigentlich könnte ich auf mich stolz sein. Ich bin recht glücklich, habe mein Leben im Griff und vor allem bin ich endlich in meiner eigenen Wohnung. Aber manchmal, kommen doch wieder die Momente, in denen ich nachdenke und dann frage ich mich, wieso gerade jetzt. Wieso hat sich jetzt alles zum Guten gewendet, was habe ich dafür getan und vor allem habe ich es verdient.
Es ist echt komisch, kaum läuft mal alles so wie man es sich immer gewünscht hat und genau dann denkt man darüber nach warum es auf einmal so gut läuft. Am meisten Angst macht mir die Tatsache dass ich doch irgendwie wieder auf einen Rückschlag warte. Es ist so ungewohnt dass alles so gut läuft, so das man doch irgendwie auf ein Tief wartet.
Aber vielleicht ist das normal. Vielleicht muss man sich erst daran gewöhnen das alles so gut läuft und vielleicht auch länger so gut laufen wird. So ist der Mensch halt und so bin vor allem ich.
Wie bin ich eigentlich? Wer bin ich eigentlich? Und warum bin ich eigentlich?
Fragen über Fragen und bei vielen wird man nie eine Antwort bekommen.
Wie ich bin, das weiß ich. Mürrisch, sehr nachdenklich, manchmal traurig, vielleicht auch ein bisschen naiv aber irgendwie auch lieb, hilfsbereit, schüchtern, spontan und ein kleines bisschen verrückt.
Früher habe ich oft gedacht ich wäre verrückt. Früher war ich immer anders. Früher tat es mir weh. Heute bin ich doch ein kleines bisschen selbstbewusster und darauf bin ich stolz.
Endlich kann ich sagen „ich bin stolz auf mich“, das konnte ich lange nicht.
Ich habe einen langen und vielleicht auch nicht immer leichten Weg hinter mir, aber ich habe auch vieles auf meinem Weg gelernt. Ich habe viele Menschen kennen gelernt und viele Situationen erlebt. Aber alle haben mich geprägt und alle haben dafür gesorgt aus mir den Menschen zu machen, der ich jetzt bin. Ein stolzer, selbstbewusster, zielsicherer aber auch verletzbarer Mensch.
Ich lebe heute, denke an Morgen und schaue auch mal zurück. Aber alles in einem gesunden Maße.
Das konnte ich lange nicht. Sehr oft in meinem Leben habe ich nur zurück geschaut oder nur auf das Jetzt. Heute habe ich gelernt. Heute weiß ich endlich wie mein Leben werden soll, was ich mir wünsche und vor allem, was ich erreichen möchte.
Aber erst einmal fange ich lieber am Anfang an.
Geboren wurde ich im Oktober des Jahres 1986 in einer kleinen Stadt in Norddeutschland. Über die damalige Zeit weiß ich natürlich nichts, ist ja klar. Aber ich weiß, dass ich eine Kämpfernatur als Mutter hatte.
Sie war bei meiner Geburt sehr jung und hatte niemanden der hinter ihr stand und trotzdem hatte sie den Mut und die Kraft mich auszutragen. Doch weiter wollte und konnte sie auch nicht und das nehme ich ihr auch nicht übel. Ich bin stolz auf sie, dass sie die Kraft hatte mir trotzdem das Leben zu schenken.
Sie gab mir damals die Chance auf ein besseres Leben und das habe ich meiner Meinung nach auch bekommen.
Aufgewachsen bin ich bei Adoptiveltern in einer kleinen Stadt in Niedersachsen. Ich war nicht das einziger Kind meiner Eltern, denn ich besaß noch einen großen Bruder.
Ich muss sagen, meine Kindheit war doch recht schön. Meine Eltern haben viel für uns Kinder getan und haben immer versucht uns zu lieben, vertrauenswürdigen und anständigen Menschen zu erziehen und ich bin der Meinung das ist ihnen wohl auch gelungen.
Auch wenn es manchmal kleine und große Hürden gab über die wir zusammen oder manchmal auch allein gehen mussten.
Noch heute erinnere ich mich gern an meine Kindheit. Vor allem die Urlaube mit meiner Familie sind mir sehr gut in Erinnerung. Es war immer total schön. Es gab nie etwas in meinem Leben, das ich nicht bekommen hätte.
Es ist nicht so, dass mein Bruder und ich verwöhnt wurden, natürlich gab es auch bei uns Grenzen, aber wir mussten nur selten zurückstecken. Meine Eltern taten wirklich alles für uns und gerade mein Vater konnte mir kaum einen Wunsch abschlagen.
Meine Kindheit war nie langweilig. Wir fuhren oft weg. Mal nur übers Wochenende aber eigentlich auch mindestens ein oder zweimal im Jahr richtig ins Ausland.
Ich glaube daher kommt auch meine Neugierde auf die Welt. Ich interessierte mich schon immer für fremde Länder und Kultur und noch heute bin ich sehr gerne und sehr viel unterwegs.
Ich könnte mir zum Beispiel nur schwer vorstellen eines Tages mal wirklich irgendwo fest zu wohnen. Ich brauche Abwechslung und hasse es, mich lange an ein und demselben Ort aufzuhalten. Ich nutze jede Chance um andere Städte oder Länder kennen zu lernen.
Ich bin irgendwie ein Weltenbummler.
Die erste Zeit an die ich mir wirklich zurück erinnern kann war die Grundschulzeit.
Ich war schon immer ein sehr neugieriges Kind und wollte immer gleich alles wissen.
Deshalb habe ich mich auch sehr auf die Schule gefreut. Die meisten Kinder dort kannte ich natürlich schon aus dem Kindergarten oder aus der Nachbarschaft. Mit Freundschaften hatte ich in den ersten paar Jahren meiner Schulzeit eigentlich auch nie Probleme gehabt. Zwar war ich keine Streberin, aber dafür war bei uns jeden Tag volles Haus.
Erst in den letzten beiden Grundschuljahren veränderte sich alles.
Ich wurde von Jahr zu Jahr dicker und irgendwann war es dann soweit das ich die Dickste in der Klasse war. Allein das war schon Grund genug dafür, dass ich mich in der Schule nicht mehr wirklich wohl fühlte. Ich wurde oft gehänselt und auch viele Freundschaften brachen auseinander. Damals habe ich das alles noch nicht so wirklich realisiert. Es war für mich irgendwie normal so zu sein wie ich bin. Und trotzdem taten mir die Sprüche und das Ausgrenzen natürlich sehr weh. Ich glaube sogar, dass ich damals schon anfing mich zu verändern, nur merkte ich es noch nicht.
Dann folgte der Wechsel auf die Orientierungsstufe. Am Anfang war es noch recht normal dort, denn viele Freundschaften aus der Grundschulzeit hielten selbst über die zwei Jahre in der O- Stufe. Doch bei Kleinigkeiten fiel mir dann auf, dass ich doch irgendwie anders war als die anderen. Ich wurde nicht auf Geburtstagen eingeladen, nicht auf Klassenpartys und sogar nachmittags war ich meist allein.
Ich kann nicht sagen dass ich mich damals schon daran gewöhnt habe, es war mehr eine Art von Blindheit. Ich konnte und wollte einfach nicht sehen wie es wirklich war. Ich fing damals schon an mir meine eigene kleine Welt aufzubauen. Ich wurde in der Zeit auch zu einem sehr nachdenklichen und oft auch traurigem Kind.
Für meine Eltern war das alles nicht sehr verständlich. Sie konnten einfach nicht nachvollziehen wie sehr es doch weh tat ausgegrenzt zu werden. Wie sehr es weh tat die Sprüche zu hören und zu wissen dass über einen gelacht wird.
Ich blieb ab der Zeit meistens für mich. Ich dachte viel nach und ich fing langsam an mich selbst zu hassen. Ich konnte nicht verstehen wieso ich anders war, wieso mich niemand mochte.
Ich konnte mich einfach nicht leiden.
Genau das war die Gefahr. Ungefähr zu dem Zeitpunkt geriet ich in den Kreislauf. Ein Kreislauf aus Fressen, Hassen, Weinen, Fressen, Hassen, Weinen usw.
Ich fühle mich allein, also kaufte ich mir was Süßes. Ich fraß in mich hinein was ich finden konnte. Kaum war ich damit fertig fing ich an mich zu hassen. Ich hasste mich für das fressen, für die Sucht, für mein Aussehen, für meine Einsamkeit einfach für alles. Also wurde ich traurig und Traurigkeit konnte ich damals nur durch Essen ausgleichen. Also ging der Kreislauf von vorn los. Einen Ausweg sah ich damals für mich nicht. Ich glaube aber auch, dass ich damals einfach nicht wusste .dass ich überhaupt in einem Kreislauf gefangen war. Für mich war einfach alles irgendwie schwer und überhaupt nicht zu verstehen.
Natürlich bemerkten auch meine Eltern dass ich immer mehr an Gewicht zunahm und sie gaben auch ihr Bestes mir daraus zu helfen.
Meine Mutter schleppte mich zum Sport, zu Ernährungsprogrammen für Kinder und auch zu vielen Ärzten. Aber alle sagten ihr das gleiche. Es sei alles psychisch. Ich müsse nur die Süßigkeiten weglassen dann wird wieder alles gut.
Aber wie lässt man etwas los, was man als einzigen Freund ansieht. Wie soll man sich seinen letzten Anker nehmen lassen. Wie soll man aus einem Kreislauf raus, wenn man nicht mal weiß dass man in einem drin ist? Noch heute passiert es mir sehr oft und sehr schnell dass ich zu viel esse. Nicht nur als Trost, auch aus Langeweile.
Dann kam der Wechsel auf die Realschule.
Die einem so gewohnte Klasse wurde auseinander gerissen. Nun hieß es wieder von vorn anfangen. Die ersten paar Wochen waren sogar noch ganz gut. Man kannte sich nicht oder nur kaum und viele Neue aus anderen Schulen kamen dazu. Und doch geriet ich irgendwann wieder in den gleichen Trott. Ich verwandelte mich wieder in die Außenseiterin der Klasse. Ich war die, die zum laufen zu fett war. Ich war die, die nicht dazu gehört. Ich war die, die beim Sport die letzte war und ich war natürlich auch die, die nicht cool genug war.
All das tat mir sehr weh. Heute mit etwas Abstand sehe ich natürlich auch meine Fehler. Ich habe oft versucht mich in den Mittelpunkt zu stellen. Ich wollte anerkannt werden und versuchte dieses durch Lügengeschichten oder anderen Sachen. Ich hatte das Bedürfnis mit den anderen Schritt halten zu wollen, also begann ich irgendwann von meinen tollen Freunden, meinen tollen Reisen und den vielen Liebeserfahrungen zu erzählen. Natürlich bekamen die meisten schnell raus dass alles nur Erlogen war. Diese Eigenschaft von mir machte mich der Klasse natürlich nicht sympathischer.
Aber nicht nur in der Schule vereinsamte ich. Auch in meiner Familie veränderte ich mich total. Es war wie eine Art Doppelleben. Ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen. Ich wollte weiterhin für sie die perfekte Tochter sein. Immer gut gelaunt immer lieb und artig und immer so wie die Eltern sie wollten.
Ich merkte damals nicht, dass meine Eltern gar keine perfekte Tochter haben wollten. Sie wollten mich, so wie ich war. Nur mit einem Unterschied. Sie wollten mich glücklich. Sie wünschten sich eine glückliche Tochter und genau das, war ich leider zu der Zeit nicht.
Für mich war ich anders. Ganz anders. Ich war einsam, traurig, nachdenklich und ich hasste mich immer noch. Ich hasste mich für alles was ich tat. Ich hasste mich jeden Tag aufs Neue und jeden Tag ein bisschen mehr. Ich schämte mich immer mehr für mich. Irgendwann in der Zeit fing ich glaube ich damit an mir die Welt zu verbieten.
Ich ging kaum noch raus, ich ging selten mit Freunden weg und ich gönnte mir auch sonst kaum noch etwas. Ich schämte mich für alles. Ich ging nicht wie andere Mädels in meinem Alter ins Freibad, ich genoss nicht die kindliche Neugier auf alles was im laufe der Pubertät passierte und vor allem, ich gab mir nicht die Freiheit einfach Kind zu sein.
Ich zwang mich selbst zum erwachsen werden. Ich wollte Reife zeigen, ich wollte Anerkannt werden und genau das gelang mir nur bei älteren Jugendlichen.
Zu dem Zeitpunkt fing es auch an, dass ich mehr mit den vor allem männlichen Jugendlichen aus der Nachbarschaft unternahm. Wir streiften nachts um die Häuser, wir bauten Streiche und vor allem versuchten wir unsere Grenzen auszutesten. Zu dem Zeitpunkt war ich elf Jahre alt.
Von Monat zu Monat versuchte ich meine Grenzen auszuweiten, das bekamen auch meine Eltern zu spüren.
Sie hatten es wohl damals sehr schwer mit mir. Aber ich auch mit ihnen. Ich hatte oft das Gefühl in der Familie am falschen Platz zu sein. Ich gehörte einfach nicht dazu. Ich war falsch.
Als Kind empfand ich meine Familie immer als totale Familienidylle. Mein Vater hatte einen guten und vor allem anerkannten Job. Meine Mutter war die perfekte Hausfrau und Mutter die nebenbei noch Jobben ging. Und mein Bruder wurde zu dem perfekten Sohn. Er hatte einen tollen Freundeskreis, gute Noten und auch eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. ( Nun ja auch wenn ich da manchmal anderer Meinung war ). Ich hatte oft das Gefühl im Schatten meines Bruders zu stehen. Ich glaubte, meine Eltern verlangten von mir genau so viel. Natürlich war mein Denken falsch, das weiß ich heute. Damals aber dachte ich aber wirklich so.
Ich passte einfach nicht in diese Familie. Ich fühlte mich komplett als Versagerin. Ich war dick, hatte keine Freunde, nicht so gute Noten und auch keine sinnvolle Freizeitbeschäftigung.
Ich war nicht so, wie sich meine Eltern eine Tochter gewünscht haben. Ich war nicht die perfekt Tochter und genau das tat mir weh.
Es war zwar nie so, dass meine Eltern mir dieses Gefühl gaben, ehr im Gegenteil. Sie versuchten mir zu helfen und mich zu unterstützen wo es nur ging. Doch ich wollte einfach keine Hilfe. Ich war damals so in mich eingeigelt das ich einfach kaum etwas von der Außenwelt wahrnahm.
Irgendwann in dem Zeitraum zwischen 11 und 12 Jahren geschah auch die erste Vergewaltigung. So genau weiß ich es nicht mehr und ich will es auch gar nicht wissen. Ich möchte auch nicht viel dazu schreiben, denn ich schäme mich sehr dafür was geschehen ist. Nur so viel. Ich war dumm und naiv und deshalb war ich lange der Ansicht dass ich selbst schuld daran sei.
Dieser Vorfall riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich wusste einfach nicht mehr wie ich so noch weiter leben sollte. Ich hatte Angst und ich fühlte mich einfach nur schlecht. Ab da an hatte ich absolut das Gefühl nicht in meine Familie zu gehören. Ich war nicht mehr die liebe kleine. Ich war dreckig und ich war selbst Schuld dran.
Ich frage mich noch heute wie ich es damals geschafft habe einfach so wieder in ein normales Leben zurück zu kehren. Ich habe niemandem etwas gesagt. Ich ging nach Hause, spielte die liebe Tochter, ging zur Schule, spielte die Außenseiterin und lebte einfach so weiter wie bisher.
Doch eines hatte sich danach auf jeden Fall geändert. Ich war absolut nicht mehr Kind. Ich verbot es mir, noch irgendwie kindisch zu wirken oder zu sein. Ich nahm mir selbst meine Kindheit weg. Warum weiß ich nicht. Vielleicht hatte ich Angst davor, dass es noch mal passierte. Ich wollte einfach erwachsen sein. Ich hasste es Kind zu sein. Irgendwo zwischen Behütet und doch zu groß für Mamas Arme. Ich fühlte mich in der Zeit absolut unglücklich.
Oft habe ich mir gewünscht einfach zu meiner Mutter zu gehen, ihr alles zu erzählen, mich trösten zu lassen und dann wird alles gut. Doch dann kam die Angst. Ich hatte Angst nicht mehr zu der Familie gehören zu dürfen. Ich hatte Angst davor bestraft zu werden. Ich weiß selbst nicht mehr was ich damals wollte und was nicht.
Der einzige Freund der mir zu der Zeit blieb war die Schokolade. Sie war immer da und sie tröstete mich, egal was war. Ich rutschte immer tiefer in den Kreislauf. Ich sah kein Ausweg und ich wollte wohl auch einfach keinen Ausweg sehen. Ich fühlte mich doch irgendwie wohl dort, wo ich war. Ich hatte Angst diesen Kreislauf zu durchbrechen und allein dort zu stehen.
Heute weiß ich, dass ich niemals allein gewesen wäre, denn ich hätte eine liebevolle und starke Familie hinter mir gehabt. Meine Eltern hätten mich unterstütz. Sie hätten mir geholfen einen neuen Weg einzuschlagen und sie hätten mich niemals allein gelassen.
Aber damals mit gerade mal 12 Jahren hatte ich dieses Wissen einfach nicht.
Ich sah nur mich und meine Angst und daneben meine perfekte Familie.
Ich hielt es für sicherer nur mir zu vertrauen und vor allen anderen das liebe, gutgelaunte Kind zu spielen.
Natürlich bemerkten auch meine Eltern in der Zeit eine Veränderung an mir. Aber ich schob es immer auf die Schule zurück. Natürlich glaubten sie mir, denn damals herrschte noch Vertrauen zwischen uns. Dieses Vertrauen habe ich Monate später zerstört.
Ich fing wieder damit an meine Grenzen auszutesten. Ich blieb abends lange weg, ich war nur mit Jungs unterwegs und ich fing sogar an meinen Eltern Geld zu klauen.
Ich brauchte diese Art von Grenzen testen. Warum weiß ich einfach nicht. Es tat mir einfach nur gut zu wissen, dass meine Eltern sich Sorgen um mich machten. Es tat gut zu merken, dass dort jemand war dem ich nicht ganz egal war. Jemand der mich liebte. Und doch zeigte ich meinen Eltern nicht was ich wirklich brauchte. Ich schlug ihre Liebe und Hilfe zu Boden. Ich wehrte sie ab und ich stellte mich gegen sie. Ich wollte allein kämpfen, ich wollte keine Hilfe und ich wollte selbst über mich entscheiden.
Ich wollte nie wieder in die Situation kommen, wo jemand anders über mich entscheidet. Ich wollte frei sein, denn ich hatte Angst.
Die ersten paar Monate merkten meine Eltern nicht, dass ich ihnen immer wieder Geld aus der Briefbörse stahl. Ich tat es nur selten und immer nur kleine Beträge. Doch irgendwann reichten diese kleinen Mengen nicht mehr und es wurden auch mal größere Scheine.
Zwar bekam ich zu der Zeit auch einiges an Taschengeld, aber damit kam ich nicht aus.
Ich brauchte viel Geld für meine Sucht nach Süßigkeiten. Ich brauchte meine tägliche Dosis die natürlich immer größer wurde. Ich konnte nicht mehr ohne. Egal wo ich war und was ich machte, ich hatte immer was Süßes dabei. Ich wurde Meisterin im Lügen, Klauen und verstecken von Schokoladenpapier und Vorratspackungen. Natürlich bekam das meine Eltern irgendwann mit und sie waren sehr enttäuscht von mir. Aber ich konnte meinen Eltern einfach nicht erklären warum ich so war. Warum ich tat was ich tat und warum ich ihnen nicht so einfach zeigen konnte wie sehr ich sie mochte und brauchte.
Vieles von dem Geld ging auch für Freundschaftskäufe drauf. Ich fühlte mich in der Schule so einsam dass ich oft versuchte meine Klassenkameraden mit Geld, Schokolade oder Geschenken zu beeindrucken und auch zu erkaufen. Natürlich ging das total schief, nur merkte ich es nicht. Irgendwann ab der 7 Klasse war ich einfach nur noch auf der Schule unten durch. Nicht nur meine Klasse hatte sich gegen mich verschworen, sondern auch viele der anderen Schüler.
Zu dem Zeitpunkt fing ich an mich selbst zu verletzten. Ich weiß heute nicht einmal mehr, wann und wie ich es zum ersten Mal tat. Ich weiß nur dass ich merkte dass es mir sehr gut tat.
Ich schnitt mir mit Rasierklingen oder Messern die Oberarme auf. Ich hatte oft Angst von meinen Eltern entdeckt zu werden. Es war nicht die Scham, es war die Angst davor ärger zu bekommen, anders zu sein und die Liebe meiner Eltern zu verlieren. Außerdem wollte ich sie nicht schocken, denn sie hatten doch noch irgendwie den Eindruck eines recht normalen Kindes von mir. Oft taten sie mir einfach so leid und doch konnte ich nicht anders.
Oft wenn ich allein war, kamen die Erinnerungen von der Vergewaltigung wieder hoch und irgendwann konnte ich dann einfach nicht mehr. Ich fühlte mich so elend. So falsch auf dieser Welt und vor allem so dreckig. Ich wollte und konnte nicht mehr. Damals versuchte ich mir mit Tabletten das Leben so nehmen. Aber irgendwie waren es wohl zu wenige. Außer Übelkeit merkte ich recht wenig. Diese Art von Versuchen gab ich auch schnell wieder auf.
Heute glaube ich, dass ich damals nicht wirklich sterben wollte. Ich hoffte wohl eher auf Hilfe. Ich glaube man würde mich finden, und mir helfen. Ich traute mich einfach nicht den Mund aufzumachen und nach Hilfe zu fragen. Ich wollte jemanden der bei mir war und doch wehrte ich mich gegen jede Art von Unterstützung.
Irgendwann ging es aber nicht mehr und ich vertraute mich einer Klassenkameradin an. Das war im Laufe der 7. Klasse. Einige Zeit war das Geheimnis auch gut aufgehoben bei ihr, doch lang hielt es nicht. Irgendwie ging es über die Klassenkameradin bis hin zu den Lehrern und den Eltern. Ich fühlte mich bedroht. Ich hatte Angst auch meine Eltern würden so davon erfahren. Natürlich blieb das nicht aus. Der Schulsozialarbeiter meiner Schule sowie eine Mitarbeiterin eines Mädchenzentrums nahmen sich meinem Problem an. Aber nicht so wie ich es mir gewünscht hätte. Sie fuhren ohne mir was davon zu sagen zu uns nach Hause und sprachen mit meinen Eltern. Natürlich hatte ich Angst vor deren Reaktion also wartete ich das Gespräch erst gar nicht ab, sondern floh aus dem ersten Stock zu einer Freundin. Dort blieb ich auch erst mal ein paar Tage. Ich hatte totale Angst. Ich schämte mich meinen Eltern unter die Augen zu treten. Ich fühlte mich unwürdig für diese Familie.
Natürlich musste ich irgendwann zurück. Die ersten paar Tage ging es ja auch gut. Meine Eltern waren echt total lieb und versuchten mir so gut es ging zu helfen. Doch auch bei ihnen kam die Neugierde durch und sie wollten wissen wer es war. Mein Vater fing an mich fast jeden Tag mit diesen Fragen zu nerven und irgendwann war es dann für mich aus.
Ich wollte und konnte nicht mehr. Ich fühlte mich gefangen und einsamer denn je. Mir war klar dass es so nicht mehr ging.
Entweder musste ich gehen, oder ich würde meinen Eltern verdammt wehtun.
Ich fühlte mich ihnen gegenüber verdammt schlecht. Ich schmiss ihre Liebe wieder fort. Ich werte ihre Hilfe und ihre Zuneigung ab.
Damals war es dass erste mal, dass ich für mich entschied. Dass ich mein Leben selbst in die Hand nahm. Meinen Eltern tat dieser Schritt weh, denn ich ging fort. Ich zog damals mit Hilfe des Sozialarbeiters in ein Mädchennothaus. Mir tat dieser Abstand zu meiner Familie aber auch zu der Gegend dort sehr gut. Meinen Eltern allerdings merkte ich sehr deutlich an das sie zu tiefste verletzt waren. Ich habe dort oft geweint wenn ich an meine Eltern gedacht habe. Sie taten mir so leid. Ich wollte ihnen nicht wehtun. Ich wollte sie nicht enttäuschen und ich wollte sie vor allem nicht zurückweisen. Aber für mich ging es in der Situation einfach nicht anders. Ich sah mich und meine Gefühle und ich musste mich erst mal um mich kümmern. Ich konnte nicht beides gleichzeitig. Ich wollte erst mal mir helfen.
Die Zeit in der Einrichtung tat mir schon irgendwie sehr gut. Ich war unter Gleichgesinnten. Ich war nicht allein und ich fand jemanden zum Reden der mich verstand. Ich fühlte mich endlich mal nicht ganz nutzlos. Aber doch hatte der Aufenthalt dort auch seine negativen Seiten. Der Kontakt zu meinen Eltern wurde immer schlechter. Sie konnten mich nicht verstehen und ich konnte es ihnen nicht erklären.
Aber auch meine Klasse stellte sich auf einmal noch mehr gegen mich als zuvor. Nun merkte ich jeden Tag wie ungern sie mich in der Klasse hatten. Sie stritten sich schon fast darum ja nicht mit mir beim Sport in einer Gruppe zu sein, oder auf der Klassenfahrt mit mir in einem Zimmer. Sie beschimpften mich, sie ignorierten mich und ich sonderte mich immer mehr von ihnen ab. Nicht nur sie machten mich zur Außenseitern, sondern eigentlich ich mich selbst. Ich wollte auch einfach nicht mehr dazu gehören. Ich fühlte mich so mehr erwachsener als sie. Ich konnte ihr kindisches Getue nicht verstehen und wollte daher auch nicht viel mit ihnen zu tun haben. Und doch habe ich mir ab und an gewünscht einfach bemerkt zu werden. Vielleicht ja sogar mal eingeladen zu werden. Aber wie sollten andere etwas merken, wenn ich selbst schwieg.
Vielleicht war das einfach nur der letzte Tropfen der das Fass zum überlaufen brachte. Auf jeden Fall ging ab dem Zeitpunkt bei mir nichts mehr. Ich hasste mich und mein Leben mehr denn je und ich glaubte auch nicht daran dass es jemals besser werden würde. Ich gab mich irgendwie auf. Ich sah keinen Grund mehr zu kämpfen oder mir helfen zu lassen. Ich ließ damals meinem inneren Ich freien Lauf. Ich zeigte mich zum ersten Mal im Leben so, wie ich wirklich war. Nicht die liebe, brave, gutgelaunte Tochter, nicht das hilfsbereite Nachbarkind und auch nicht die alles schluckende Klassenkameradin.
Ich war die zu groß gewordenen Kleine, die keine Kraft mehr hatte, die nur noch weinte und in sich allein lebte. Ich war die, die sich sogar mit Teppichmessern die Arme aufschnitt, nur um zu merken das ich noch da war. Um die Gewissheit zu haben das ich doch noch am Leben bin und vor allem um mich selbst zu betrafen. Ich wollte mich spüren und ich wollte mir schaden. Ich merkte noch nicht mal mehr den Schmerz. Es tat mir einfach nur gut. Es war ein Moment, in dem ich alles rauslassen konnte. Ich fühlte mich in dem Momente frei denn ich spürte das ich die Macht über meinen Körper hatte, egal was geschah.
Egal wie sehr mir die anderen Menschen wehtaten, ich konnte dafür sorgen dass der Schmerz, den ich mir zufügte noch größer war. Ich glaubte, den anderen die Macht nehmen zu können, mich zu verletzten, aber genau das war falsch.
Ich schadete nur mir, aber das merkte ich damals leider nicht. Ich wollte mich absondern. Zeigen dass ich anders war. Es war für mich auch eine art Hilferuf. Mein Mund blieb zwar verschlossen, und doch suchte ich eine Möglichkeit um Hilfe zu bitten. Ich traute mich nicht zu reden. Ich glaubte mein Selbstverletzen würde den anderen Menschen schon dass sagen, was ich nie hätte aussprechen können. Und doch wusste ich nie ob ich wirklich Hilfe haben wollte.
Ca. 2 Monate nach meinem Einzug ins Mädchenhaus zog ich auch schon wieder aus. Doch es ging nicht nach Hause, sondern in die Kinderpsychiatrie. Die Erzieher in der Einrichtung kamen mit mir nicht mehr klar. Sie konnten die Verantwortung für mich nicht mehr tragen.
Ich wusste damals nicht was auf mich zukam. Ich war gerade mal 13 Jahre alt. Ich sollte mit Mädchen in meinem Alter draußen spielen, ich sollte meinen ersten Freund haben und ich sollte wie sie über das Leben lachen. Und doch war es nicht so. Ich saß in der Psychiatrie. Nach nur 13 Jahren auf dieser Welt hatte ich es geschafft, mich verrückt zu machen. So dachte ich damals auf jeden Fall. Mir wäre nie im Leben eingefallen, dass vielleicht auch andere Menschen oder andere Vorfälle an meiner Situation schuld sein könnten.
Ich fühlte mich ein wenig vom Leben enttäuscht.
Ich wollte frei sein, spaß haben, freunde besitzen und einfach nur glücklich sein. Doch in Wirklichkeit saß ich in einem kleinen Zimmer, hinter verschlossener Tür und durfte nicht mal allein aufs Klo gehen. Mir war die Verantwortung für mich einfach so genommen worden. Nun gab es andere, die auf mich aufpassten und wussten, was für mich das richtige war.
Natürlich konnte ich diese Tatsache am Anfang erst gar nicht verstehen. Mir machte einfach alles nur Angst. Ich wollte raus und weg. Meine Gefühle steigerten sich von leichtem Hass auf mich bis hin zum Hass gegen alle und alles. Ich fühlte mich allein gelassen, ausgesetzt und ungewollte.
Ich wollte gehen und doch hatte ich Angst vor der Welt draußen. Ich wusste dass ich so nicht in der Außenwelt bestehen konnte. Ich würde wieder zusammen brechen. Die Klinik wurde zu meiner kleinen Welt. Ich konnte mich dort zeigen wie ich wirklich war. Ich brauchte mich nicht für andere Leute verstellen. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich meine Ängste ausleben. Ich brauchte mich nicht zu verstecken. Das tat verdammt gut. Ich fühlte mich dort geborgen wie schon lange nicht mehr.
Und doch konnte ich in dem jungen Alter einfach nicht verstehen was ich dort sollte. Ich sah nichts wirklich Falsches an meinem Benehmen. Was war schon daran wenn ich mir ab und an mal die Arme aufschnitt? Was war schon daran das ich fraß wie ein Monster? Ich verstand einfach nicht warum ich mich ändern sollte. Also tat ich es auch nicht.
Ich fand immer wieder kleine Lücken und Momente in denen ich die Chance hatte meine Art und meine Fehler so weiter auszuleben, wie bisher.
Nach 4 Monaten wurde ich dann auch entlassen und kehrte zu meiner Familie zurück. Doch dort war alles anders. Meine Eltern versuchten ihr Bestes um mir zu helfen und um mich zu unterstützen. Sie versuchten mir Halt zu geben und zu erkennen was ich brauchte. Es tut mir heute noch verdammt weh dass ich sie damals schon nach wenigen Monaten wieder abwehrte. Ich wollte einfach nicht. Mir war immer noch alles zu viel.
Irgendwann merkte ich dann auch, dass meine Eltern nicht mehr konnten. Sie gaben echt alles um mir zu helfen und ich ließ sie abblitzen. Zu erst merkte ich es an meinem Vater. Ihm riss der Geduldsfaden zuerst. Er fing an mich zu beschimpfen. Es waren vielleicht keine so schlimmen Sachen, aber mir taten sie trotzdem sehr weh. Ich war für ihn eine fette Sau, die nichts kann. Natürlich wusste ich irgendwo im Hinterkopf dass er es nicht so meinte wie er es sagte. Aber trotzdem spürte ich jedes Mal einen Stich im Herzen. Doch ich schwieg viele Jahre bis ich mich gegen seine Beschimpfungen wehrte, denn ich war der Meinung ich hätte es verdient. Ich hatte doch selbst Jahrelang dafür gesorgt das meinen Eltern das Herz weh tat und vor allem dass ich ihnen wehtat, weshalb sollte ich dann nicht auch mal leiden?
Natürlich setzten meine Eltern alles daran, mich wieder in die Gemeinschaft, gerade mit anderen Jugendlichen einzuführen. Sie sorgten dafür, das ich wieder zum Handball ging und auch, dass ich an der Jugendfreizeit unserer Gemeinde teilhaben konnte. Ich weiß, dass sie es damals nur lieb gemeint haben, aber manches war für mich einfach zu viel. Die Freizeit, die mir sonst immer sehr gut gefallen hatte war für mich ein totaler Reinfall. Ich schaffte es nicht, mich aus der Isolation zu befreien. Ich verletzte mich weiter selbst und ich hörte auch nicht auf mit dem Trostfuttern. Zu der Zeit besaß ich schon ein stolzes Gewicht von knapp 100 Kg und das mit gerade mal 14 Jahren. Natürlich brachte mir das bei den anderen Kindern und Jugendlichen keine Pluspunkte. Selbst die letzten paar Freunde die ich damals noch besaß wendeten sich von mir. Ich fühlte mich mehr denn je allein und total unwillkommen auf dieser Welt. Aber auch ich fühlte mich in dem Körper nicht wirklich wohl. Ich hatte schon immer den Wunsch gehabt, mich zu ändern. Endlich so leben zu können, wie all die anderen. Aber ich konnte einfach aus dem Kreislauf nicht ausbrechen, auch wenn ich es mir oft gewünscht habe.
Natürlich gab es auch mal Lichtblicke und gute Momente zu der Zeit, aber die waren leider sehr wenig.
Mitte des 8. Schuljahres bekam ich dann die Chance einen Kurs als Streitschlichterin an der Schule zu absolvieren. Ich bin heute noch dem Sozialarbeiter dankbar, dass er mich in die Gruppe aufnahm. Es gab mir ein Gefühl von gebraucht werden. Ich fühlte mich einige Zeit lang nicht ganz so nutzlos. Das Beste daran war allerdings, dass ich neue Jugendliche kennen lernte. Bei ihnen fühlte ich mich sofort wohl und total verstanden. Sie gaben mir Halt und mit einigen schloss ich auch Freundschaften. In mir wuchs die Hoffnung, doch noch weiter in der Schule klar zu kommen. Doch das stellte sich leider als falsch heraus.
Vor allem nach der Entlassung aus der Klinik wirkte ich wohl auf viele eher abschreckend. Sie wollte nichts mit mir zu tun haben, denn ich war ja anders.
Natürlich verstand ich sie, aber weh tat es mir trotzdem. Ich schwänzte zu dem Zeitpunkt sehr häufig die Schule.
Irgendwann in der Zeit fing ich auch zum ersten Mal an, mich wirklich für Jungs zu interessieren. Aber nicht so, wie die anderen.
Ich wollte keinen Freund. Ich wollte keinen Zwang und keine Verpflichtungen. Ich wünschte mir nur Nähe und Geborgenheit. Genau das war wohl mein Fehler. Ich fing an mit Männern und vor allem mit wesentlich älteren Männern zu flirten. Natürlich blieb es nicht nur beim flirten. Ich stieg in fremde Betten, wie andere in ihr eigenes. Für mich war es normal. Ich kümmerte mich damals nur um dass, was ich brauchte. Wenn mir die Einsamkeit zu groß wurde, schnappte ich mir den nächst besten und ging mit ihm ins Bett.
Natürlich bekam viele Menschen mein Verhalten mit, aber mir war es total egal. Ich wollte mich nicht darum kümmern was andere über mich dachten. Ich wollte mich nur allein um mich sorgen und darauf achten dass ich das bekam, was ich brauchte.
Heute schäme ich mich dafür. Heute weiß ich, dass es falsch war was ich getan habe. Heute sehe ich mich als Schlampe. Für mich war ich damals nix anderes. Aber ich brauchte es einfach. Ich war auf der Suche nach Geborgenheit und Liebe und ich glaubte immer, wer mit mir schläft würde mich auch lieben. Doch genau das war ein Trugschluss. Aber woher sollte ich das mit meinen 14 Jahren denn auch wissen?
In dem Alter machte ich auch meine ersten Erfahrungen mit dem Alkohol. Zu erst waren es nur mal ein paar Kurze auf Partys oder vielleicht mal bei Freunden ein Bier. Doch irgendwann wurde es mehr. Ich brauchte Alkohol damit ich den Sex mit zum teil fremden Männern ertragen konnte. Ich brauchte ihn, um abends einschlafen zu können.
Natürlich verheimlichte ich auch das vor meinen Eltern.
Ich wollte sie nicht schon wieder enttäuschen. Ich wollte versuchen vielleicht doch noch ein bisschen die Tochter zu werden, die sie sich vielleicht gewünscht haben. Doch genau das fiel mir schwer. Ich konnte einfach nicht mit Regeln leben und genau deswegen Verstoß ich auch immer wieder gegen sie. Natürlich förderte das nicht die Beziehung zu meinen Eltern.
Erst gegen Ende 2001 gab es für mich wieder einen Lichtblick im Leben.
Meine Freundin nahm mich mit zum Ehrenamt der Johanniter. Für mich war es schon immer ein Traum gewesen, dort zu arbeiten. Doch trotzdem hatte ich Angst dort hin zu gehen. Ich wollte nicht schon wieder die Außenseiterin in einer Gruppe sein, ich hatte Panik davor mich zu blamieren oder meine Schwächen zu zeigen. Doch es kam zum glück alles anders. Die Gruppe nahm mich echt super auf. Die Leute waren zwar zum Teil etwas älter als ich, aber das störte mich kaum. Eine große Portion Mut schenkte mir auch mein damaliger Ausbildungsleiter. Er selbst war auch nicht gerade schlank, hatte aber dafür schon viel in seinem Leben erreicht. Er war einfach kein Mensch von Traurigkeit und genau das faszinierte mich so an ihm. Er war ein Mensch mit enorm viel Kraft und Selbstbewusstsein. Ich hängte mich damals an ihn ran, denn ich hoffte von ihm zu lernen.
Natürlich tat mir auch die Arbeit dort sehr gut. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, gebraucht zu werden und etwas zu können. Ich wurde ernst genommen und man gab mir das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein.
Ich freute mich so sehr über den neu gewonnen Lichtblick, dass ich vieles um mich herum vergaß. Die Schule wurde mich zweitrangig und auch meine Familie stand für mich erst mal nur an zweiter Stelle. Wichtig war für mich die Arbeit bei den Johannitern. Im Laufe meiner Ausbildung zur Sanitätshelferin lernte ich viele neue, und vor allem liebe Menschen kennen.
Das wichtigste aber war für mich, endlich zu einer Gruppe zu gehörten. Daher war es natürlich nicht ungewöhnlich, dass ich die meiste meiner Zeit auf der Wache oder auf Sanitätseinsätzen verbrachte. Es gab Tage und Wochen an denen ich eigentlich nur noch zum schlafen nach Hause fuhr. Aber das tat mir so gut. Es waren mit die besten Jahre meines Lebens, die ich dort verbracht habe.
Natürlich gab es auch mal nicht so schöne Momente. Dazu gehörte für mich vor allem der Abschied von meinem Ausbildungsleiter. Er war für mich eine Art Vorbild geworden. Ich hing sehr an ihm. Leider hatte ich das Pech, dass ich mich mit den nachfolgenden Ausbildern nicht mehr allzu gut verstand. Natürlich blieb ich noch ein Jahr, aber nach 4 Jahren Johannitern kam auch für mich irgendwann das aus.
Die Arbeit hatte zwar nicht ihren Reitz verloren, denn ich vermisse sie heute zum Teil noch, aber ich kam einfach nicht mit meinem Vorgesetzten klar. Ich fühlte mich oft verarscht und rutschte doch wieder zurück in die Einsamkeit. Irgendwann merkte ich dann auch, dass ich für ihn nur eine billige Arbeitskraft war. Früher gab es Zusammenhalt in der Gruppe, später ging es nur noch um Erfolg und ja der Liebling zu sein.
Natürlich habe ich bis heute nicht mit der Arbeit im Ehrenamt aufgehört. Vielleicht nicht weiter bei den Johannitern, aber dafür bei anderen Organisationen in anderen Städten und darauf bin ich stolz. Die Ehrenamtliche Tätigkeit ist das einzige in meinem Leben, dass ich immer durchgezogen haben, im Gegensatz zu anderen Dingen.
2003 schloss ich dann auch endlich die Realschule ab. Für mich war eine Zeit voller Depressionen, Traurigkeit und Angst erst einmal vorbei. Ich fühlte mich in dem Sommer so gut wie noch nie. Ich konnte leben.
Nach den Sommerferien sollte es dann mit einem Jahr Berufsfachschule weitergehen.
Mein Traum war es eines Tages als Staatlich anerkannte Heilerziehungspflegerin dazu stehen und diesen Traum wollte ich mir auch niemals nehmen lassen.
In der Zwischenzeit genoss ich die Zeit mit meiner ersten großen Liebe. Es war dass erste mal im Leben, das ich mir jemandem komplett hingeben konnte. Ich fühlte mich nicht immer wohl in der Beziehung, aber ich wollte endlich nicht mehr allein sein. Er war schon ein lieber Mensch und wir haben es immerhin 17 Monate zusammen ausgehalten. Doch irgendwann ging es nicht mehr. Nicht nur dass ich ihn in der Zeit zwei Mal betrogen habe, auch die Tatsache jemandem etwas geben zu müssen tat mir nicht gut. Ich fühlte mich eingeengt und trotz der Zweisamkeit doch irgendwie allein.
Irgendwann ging es dann auch mit der Berufsfachschule los. Ich fühlte mich eigentlich von Anfang an in der Klasse sehr gut aufgehoben. Dieses mal war ich nicht die Außenseiterin und das tat mir so verdammt gut. Doch leider hielt auch dieses Gefühl nicht allzu lang. Wir waren eine sehr chaotische Klasse und hielten nicht viel von Klassengemeinschaft. Mir machte es aber nichts aus, denn ich war langsam daran gewöhnt allein zu sein. Ich fühlte mich aber auch bestätigt in dem Glauben man könnte es mit mir nicht lange aushalten. Diesen Glauben behielt ich leider lange bei.
Erst mein zweiter Freund konnte mich von diesem Gefühl befreien. Es war für mich wie ein sechser im Lotto. Er war lieb, zärtlich, romantisch und vor allem hatte er auch eine sehr liebe Familie. Bei ihm fühlte ich zum ersten Mal was Liebe wirklich heißt. Er gab mir all das, was ich mir so viele Jahre gewünscht habe, nämlich das Gefühl gleichberechtigt zu sein. Er baute auf meine Meinung und wir konnten über alles reden. Bei ihm fühlte ich mich zum ersten mal in meinem Leben richtig erwachsen. Damals war ich 17 Jahre alt. Leider hielt diese Beziehung nur kurz. Warum sie nicht hielt, das weiß ich selbst heute noch nicht. Damals war mir das aber egal. Ich merkte nur dass für mich alles wieder von vorn anfing.
Ich fiel wieder in ein verdammt tiefes Loch und wusste nicht, wie ich wieder hinauskommen sollte. Ich habe sogar überlegt doch einfach in dem Loch zu bleiben. Ich fühlte mich einfach nur leer. Oft habe ich mich gefragt warum ich denn jedes mal wieder versucht habe aus dem Loch zu klettern, denn kaum war ich draußen, schmiss mich doch wieder jemand rein. Ich fragte mich auch oft, woher ich überhaupt die Kraft hatte jedes Mal wieder zu kämpfen.
Ich fühlte mich wie ein kleiner Marienkäfer der auf dem Rücken lag. Kaum hatte ich die Kraft aufgebracht und mich wieder auf die Beine zu drehen so kam doch gleich ein Windstoss und riss mich wieder um.
Zu der Zeit merkte ich, dass es so einfach nicht mehr ging. Ich drehte mich in meinem Leben total im Kreis. Ich kam weder voran noch änderte sich irgendwas anderes. Ich beschloss in dem Moment mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich wollte nicht mehr leiden, sondern endlich die Welt entdecken aber so wie es mir ging war mir das einfach nicht möglich.
Also meldet ich mich zur Ambulanten Therapie an. Natürlich war dies nicht meine erste Therapie, aber die erste, die ich mir selbst ausgesucht hatte und bei der ich selbst überzeugt war das mein Leben so nicht weiter ging.
Man muss schon selbst bereit sein, sein Leben zu ändern sonst bringt auch die beste Therapie nicht.
Glück hatte ich mit dem Therapeuten. Er war so ein lieber Mensch. Endlich jemand, der mich verstand und der mir erklären konnte warum ich so war, wie ich war. Ab dem Zeitpunkt ging ich einmal die Woche zur Gesprächsstunde und es tat mir sehr gut. Mein Leben schien sich doch endlich mal der Sonnen zuzudrehen und darüber freute ich mich sehr.
Zu dem Zeitpunkt begann auch mein Berufsvorbereitendes Soziales Jahr in einer Tagesbildungsstätte für Geistig- und Mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche.
Natürlich hatte ich mich vorher schon auf andere Stellen beworben denn ich wollte endlich Geld verdienen und auf eigenen Beinen stehen, doch niemand wollte mich.
Das Soziale Jahr gab mir aber auch die Möglichkeit, mir das Berufsbild einer Heilerziehungspflegerin mal genauer anzuschauen. Leider hatte ich das Pech, dass ich mich mit der einen Erzieherin der Gruppe nicht wirklich verstand. Trotzdem versuchte ich mein Bestes zu geben und auf die Kinder einzugehen. Ich lernte sehr schnell mich zu behaupten und mein Ding durch zu ziehen. Ich wollte dieses Jahr schaffen um es mir und vor allem meinem Eltern zu zeigen. Ich schloss die Kinder sofort in mein Herz. Meine Arbeit gefiel mir dort sehr gut. Jeden Tag gab es für mich neue, kleine Wunder zu erleben und ich war Gott dankbar dafür, dass ich solche Momente mit den Kindern erleben durfte.
Trotz meiner Antipathie gegenüber der Erzieherin versuchte ich mich einzubringen und allen zu zeigen was ich konnte.
Doch irgendwann merkte ich wie mein Akku leer war. Ich konnte diesen Zwist zwischen ihr und mir nicht mehr ertragen. Mir wurde die Arbeit zu viel und auch die anderen Verpflichtungen die ich noch hatte. Ich fühlte mich nicht mehr wohl dort wo ich war und auch nicht mit dem was ich tat. Ich wollte es allen zeigen und hatte schon wieder kläglich versagt. Ich spürte wieder dieses Gefühl von Hass gegen mich selbst und gegen all die anderen.
Eines war mir zu der Zeit klar. So kannst und willst du dein Leben nicht mehr führen. So wirst du untergehen und war ganz schon kläglich.
Ich wollte raus und weg. Ich musste einfach mal Abstand haben. Nicht nur von der Arbeit sondern gleich von der ganzen Stadt. Ich hatte den Wunsch noch einmal irgendwo neu anzufangen.
Darum bewarb ich mich um einen Platz in der Jugendpsychiatrie weit weg von zu Hause. Ich brauchte Abstand. Es ging für mich nicht mehr. Natürlich hatte ich große Angst meinen Eltern wieder weh zu tun aber mir blieb einfach nichts anderes über.
Im April des Jahres 2005 ging es dann für mich los. Ich bekam einen Platz auf der Jugendstation. Damals hatte ich sehr große Angst ob ich wirklich dort allein klar kommen würden. Meine Eltern waren nicht mal eben um die Ecke und konnten nicht mal eben vorbei kommen um mir zu helfen. Außerdem merkte ich, dass ich doch in meiner Heimatstadt einiges aufgab. Nicht nur meine Familie und meine Verwandtschaft, auch die letzten Freunde die mir noch blieben. Außerdem fiel mir der Abschied von den Kindern in der Einrichtung auch nicht wirklich leicht. Ich hatte sie alle sehr ins Herz geschlossen und ich weinte natürlich als ich merkte das ich ab jetzt nicht mehr an ihrem Leben teilhaben konnte. Mir tat es so furchtbar weh sie allein zu lassen.
Außerdem hatte ich große Angst vor dem Neuanfang. Wie würden die anderen Patienten auf mich reagieren? Werde ich wieder die Außenseiterin werden? Wie würde ich allein klar kommen?
Meine Angst war groß, aber auch die Hoffnung, vielleicht endlich mein Leben in den Griff zu bekommen. Überall um mich herum sah ich wie sich die Menschen veränderten, wie sie ihr Leben lebten und ich stand so hilflos da. Selbst meine „kleine“ Cousine wurde langsam groß, meine Freunde gingen langsam eigene Wege und auch mein Bruder hatte nur Erfolg in seinem Leben.
Ich wollte nicht mehr so da stehen. Ich wollte endlich wer werden und vor allem was schaffen.
Es fiel eine große Last von mir als ich endlich in die Klinik ging. Dieses mal, dass wusste ich würde ich alles anders machen. Ich würde mitarbeiten und mein Bestes geben. Ich wollte endlich anders werden und dafür würde ich alles tun, da war ich mir sicher.
Ich wusste, dass ich es schaffen würde. Ich sah es auch als meine letzte Chance. Schließlich wurde ich ja nicht jünger. Entweder jetzt, oder nie.
Die ersten Tage in der Klinik waren sehr merkwürdig. Ich war es nicht gewohnt mit so vielen Jugendlichen zusammen zu wohnen. Ich war es nicht gewohnt alles zu teilen und auch mal einzustecken. Es dauerte sehr lange bis ich mich an die Regeln dort gewöhnt hatte. Aber im Großen und Ganzen fühlte ich mich von Anfang an sehr wohl dort. Es war wie eine Schutzhülle. Ich war von der Welt abgetrennt und genau das war es was ich wohl gebraucht habe. Einen festen Rahmen, in dem ich so sein konnte wie ich war. Ohne darauf zu achten wie die Leute über mich dachten. Ich war endlich nicht mehr anders, denn wir waren alle anders. Wir gaben uns untereinander Halt und verstanden uns doch meist alle sehr gut. Es war immer jemand zum reden da. Jemand, der mich verstand und der in meinem Alter war. Aber auch die Erzieher gaben ihr Bestes damit ich mich dort schnell einlebte. Sie waren alle recht lieb zu mir. Trotzdem gab es auch dort meine Trotzphasen und auch dort gab es Momente in denen ich nicht mehr wollte, in denen mir alles zu viel wurde. Aber genau dann halfen mir die anderen Jugendlichen. Sie gaben mir Kraft und machten mir Mut. Wir träumten alle von einem normalen Leben, wir wollten alle frei sein und selbst über uns bestimmen, doch bei den meisten war es bis da hin noch ein langer Weg. Auf jeden Fall bei mir. Ich wusste dass ich noch viel zu tun hatte, damit ich dort ankommen würde, wo ich hin wollte.
Mir ging es von Tag zu Tag besser. Ich lernte mich kennen, mich und meine Gefühle. Ich lernte mit ihnen umzugehen. Natürlich nicht von heute auf morgen. Auch in der Klinik kam es noch vor dass ich mich selbst verletzte, oder dass ich weiter alle möglichen Sachen in mich rein fraß. Aber so langsam verstand ich warum ich so war und warum ich Sachen tat, die mir eigentlich nur schadeten. Aber vor allem lernte ich in der Klink all meine Ängste kennen. Viele habe ich in meinem normalen Leben gar nicht bemerkt, denn ich habe immer versucht, gar nicht erst in die Situation zu gelangen die mir Angst machte. Aber dort musste ich. Dort konnte ich mich nicht verstecken und solchen Sachen aus dem Weg gehen. Dort lernte ich mich ihnen zu stellen, auch wenn es oft nicht leicht war. Ich lernte wieder, in der Öffentlichkeit was zu essen, ich lernte wieder, mich selbst zu mögen und akzeptieren und mir das zu gönnen, was ich brauchte. Seien es Besuche im Schwimmbad oder einfach nur mich ins Cafe setzten. All das tat mir sehr gut. Natürlich habe ich mir alles schwer erkämpft, aber genau deshalb weiß ich, dass ich auf mich stolz sein kann.
Andere Menschen konnten mich meist nicht verstehen. Für sie war es nichts besonderes, sich ins Restaurant zu setzten und dort einen schönen Abend zu verbringen. Für mich war so was zu Anfang der Therapie nicht vorstellbar und auch heute macht es mir manchmal noch Probleme, aber ich kämpfe drum. Ich will schließlich leben wie jeder andere auch.
Angst machte mir eigentlich alles, aber vor allem die anderen Menschen. Ständig hatte ich Angst jeder würde auf mich schauen. Selbst mitten in der Stadt fühlte ich mich von allen Beobachtet. Ich hatte immer das Gefühl, jeder würde schlecht über mich Denken. Jeder würde mich anschauen und denken „Mensch, ist die aber fett“. Ich fühlte mich einfach nicht wohl. Aber es war wichtig meine Ängste kennen zu lernen. Zu Hause habe ich nie gewusst, dass diese Angst überhaupt in mir existiert, denn ich habe es gar nicht erst so weit kommen lassen. Zu Hause bin ich so gut wie nie Schwimmen gegangen. Außer natürlich morgens um sechs Uhr, wo noch niemand da war. Zu Hause bin ich selten allein in die Stadt gegangen. Allein ging nicht, ich brauchte jemanden neben mir, damit die Angst nicht zu groß wurde.
Doch dort in der Klinik wurde ich diesen Situationen ausgesetzt. Konfrontation war einfach das Beste. Jeden Tag bekam ich eine neue kleine Aufgabe. Ob es ein Spaziergang durch die Stadt war, oder einfach irgendwo was trinken.
Am Anfang war ich oft verzweifelt. Ich hätte nie geglaubt dass ich es irgendwann mal schaffen würde. Oft verlor ich meine Kraft und fragte mich wofür ich das alles eigentlich machte. Was würde es bringen? Mein Leben würde doch immer so weiter gehen. Ich sah oft keinen Sinn mehr und das ließ ich auch die Therapeuten und Erzieher spüren. Natürlich versuchte ich zwar mit zu arbeiten, aber manchmal ging es einfach nicht mehr und ich war nur noch ein Häufchen Elend.
Nach sechs Monaten wurde ich zum ersten Mal auf Abstand geschickt. Das hieß für mich einen Monat zu Hause bleiben. Ich hatte wiederholt gegen Regeln in der Klinik verstoßen.
Irgendwie genoss ich diesen Monat zu Hause, aber mir fehlte auch der Halt, den die Klinik mir gab. Ich wurde einfach wieder in die Welt hinein geschmissen. Ich fühlte mich so allein und hatte Angst, alles würde wieder von vorn Anfangen.
Im November kehrte ich in die Klinik zurück. Doch auch ich hatte mich in der Zwischenzeit verändert. Ich war 19 geworden, fühlte mich reifer und akzeptierte noch weniger die Regeln dort. Ich wollte erwachsen sein, über mich selbst bestimmen. Ich wollte mein Leben leben.
Ich wollte nicht mehr auf andere hören müssen.
Doch ich wusste auch, dass ich versagen würde, wenn ich jetzt gehen sollte.
Ich wollte Hilfe und war dabei sie wieder abzulehnen.
Knapp zwei Monate blieb ich dann noch in der Klinik. Ich versuchte verzweifelt weiter an mir zu arbeiten, aber ich sah einfach keinen Sinn. Mir war klar, dass ich es niemals schaffen würde, allein zu leben. Dass ich es niemals schaffen würde, beruflich erfolgreich zu werden. Ich sah in mir eine Versagerin.
Ich war nur auf eines Stolz. Ich hatte in der Zwischenzeit an der Volkshochschule meinen qualifizierten Abschluss geschafft. Endlich hatte ich es allein gezeigt. Viele Menschen, auch aus meiner Familie haben an mir gezweifelt, aber ich hatte es allen bewiesen. Ich konnte doch etwas. Und doch, sah ich schwarz für meine Zukunft.
Ich hatte mich auf viele Ausbildungsstellen beworben, aber niemand wollte mich. Ich wusste aber auch selbst nicht, was ich überhaupt wollte.
Natürlich war ich immer noch von der Idee begeistert eines Tages Heilerziehungspflegerin zu sein, doch viele Menschen rieten mir davon ab.
Ich wäre psychisch nicht stabil genug, ich wäre zu dick und zu träge und ich würde den Schulstoff doch sowieso nicht schaffen.
Dies waren nicht die Gründe warum ich es dennoch versuchen wollte. Ich wollte es für mich. Ich wollte mir aber auch anderen Menschen zeigen, dass ich genau das schaffe, was ich mir auch vornehme.
Im Januar zog ich dann in meine erste, eigene Wohnung. Meine Eltern waren natürlich nicht begeistert. Sie glaubten ich würde es nicht schaffen und kläglich untergehen. Aber ich wollte. Ich blieb in der Stadt um dort noch einmal neu Anzufangen. Ich wollte es mir aber auch allen anderen beweisen. Ich bin eine Kämpfernatur und ich gebe nicht so schnell auf.
Oft war es auch ein Kampf gegen mich selbst. Die eine Stimme sagt „komm gib auf, du schaffst es nicht, du bist zu schwach“ doch die zweite Stimme siegte. Die zweite Stimmt war die Stimme meiner Wünsche. Ich wollte noch so viel erreichen. Ich wollte eine tolle Ausbildung machen, einen Partner finden und eines Tages meine eigene, kleine Familie haben. Ich wollte leben nach meinen Wünschen. Diese Träume gaben mir in der Anfangszeit aber auch heute noch verdammt viel Kraft. Ohne sie, wäre ich bestimmt sehr schnell untergegangen.
Leider hatte ich dass Pech, keinen Job zu finden und so war ich die erste Zeit Arbeitslos. Natürlich bewarb ich mich auch weiter auf andere Stellen und auch bei verschiedenen Schulen für Heilerziehungspflege. Ich hatte aber langsam selbst keine Hoffnung mehr das es klappen sollte.
Mein Glück war es, dass ich in der neuen Stadt eine sehr liebe Freundin gefunden hatte. Sie gab mir viel Halt und war immer für mich da. Sie war der Sonnenschein, und sie lockte mich auch oft aus meiner Einsamkeit. Sie gab mir dann auch eines Tages den Tipp mich an der hiesigen Berufsschule zu bewerben.
Natürlich war ich mir nicht mehr sicher, ob Heilerziehungspflege wirklich das Richtig für mich war. Ich fühlte mich von allen so untergebuttert und glaubte schon selbst nicht mehr an mein Können. Doch trotz all dem bewarb ich mich dort und wurde, sehr überraschend, auch angenommen.
Nun hatte ich einen Lichtblick, eine Chance und darüber freute ich mich sehr. Ab August sollte es dann los gehen. Natürlich war es bis dahin noch sehr lang hin. Wir schrieben zu der Zeit gerade mal Januar. Trotzdem lief mein Leben auf einmal besser. Ich sah eine Zukunft für mich.
Und doch wurde auch dieser Momente voller Zuversicht einfach wieder zerstört. Vielleicht war es meine eigene Schuld, vielleicht auch einfach nur purer Zufall.
Anfang Januar wurde ich in meinem Haus vergewaltigt.
Ich fühlte wie mein Leben wieder in sich zusammen fiel. Alles, was ich mir hart erarbeitet hatte war auf einmal weg. Ich war wieder ein Nichts.
Mir war von heute auf morgen klar, dass es falsch war in der Stadt zu bleiben und dass es falsch war zu denken, ich könnte alles allein schaffen. Ich war eine Niete und das wurde mir mal wieder sehr deutlich gemacht.
Meine Freundin half mir damals sehr. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich wieder in ein Tiefes Loch gefallen und ich weiß bis heute nicht, ob ich es dann allein dort wieder raus geschafft hätte. Ob ich überhaupt wieder raus wollte. Sie gab mir Halt und begleitete mich auch zur Polizei. Natürlich habe ich damals Anzeige erstatte. Ich wollte nicht, dass er so einfach davon kommt. Ich wollte mich an ihm rächen, denn er hatte mein Leben wieder zunichte gemacht.
Ich gab meine gewonnen Freiheiten wieder auf. Ich igelte mich wieder ein und bekam wenig von der Außenwelt mit. Und doch musste ich wieder spielen. Meinen Eltern erzählte ich nichts davon. Ich hatte Angst sie würden mich zu sich nach Hause holen. Ich wollte nicht wieder als die dastehen, die nicht allein klar kommt und außerdem war ich ja doch irgendwie selbst schuld dran. Mein Vater hat mich immer gewarnt mich ja nicht mit solchen Leuten einzulassen. Egal was ich tat, ich machte alles falsch.
Zu meinem Glück fand ich recht schnell eine neue Wohnung. Ich wollte nicht dort bleiben, ich wollte nicht weiter in dem Haus leben, ich wollte neu Anfangen. Meine neue Wohnung gefiel mir auf Anhieb. Sie war zwar kleiner, aber lag dafür viel schöner und natürlich in einem wesentlich besserem Haus. Ich versuchte, mir ein neues Nest zu bauen. Ein Nest, in das ich gern zurück kehrte, ein Nest, das mir Schutz und Halt gab und in dem ich mich wohl fühlte. Ich bin noch heute der Meinung dass mir das eigentlich sehr gut gelungen ist.
Kurz nach meinem Einzug änderte sich noch mehr in meinem Leben. Ich lernte meinen Freund kennen. Ab da an schien für mich die Sonne. Ich sah endlich ein Licht am Ende des Tunnels. Ich sah für mich eine Zukunft. Leider wohnte mein Freund nicht in meiner Stadt, aber das hielt mich nicht davon ab jede Woche zu ihm zu fahren. Er nahm mich so wie ich war. Er akzeptierte meine Macken und half mir so gut es ging. Er tat mir einfach nur total gut. Er hielt mich fest und gab mir doch Chance auf Abstand. Er liebte mich, versucht aber mich nicht einzuengen. Er unterstütze mich egal womit. Er war einfach da.
Endlich Leben. Endlich dass tun, was ich wollte. Was wir wollten. Egal was ab dem Zeitpunkt geschah, ich wusste ab da an, ich war nicht mehr allein. Ich hatte jemanden, der immer zu mir hielt, egal was passieren würde. Ich wusste ich hatte ein dritte zu Hause bekommen, in dem ich immer willkommen sein würde. Ich war der glücklichste Mensch der Welt.
Natürlich stand nun noch das große Ereignis meiner Einschulung an. Ich machte mir zwar große Sorgen, wie ich in der Klasse ankommen würde, welche Position ich haben würde. Aber die Angst war nicht mehr so groß, wie früher. Ich hatte selbstbewusst sein und mir war eines klar. Egal wo ich in der Klasse stehen würde, ich würde alles anders machen. Egal, welche Rolle sie mir geben, ich werde kämpfen. Egal wie die Klasse auch wird, ich schaffe meine Ausbildung. Ich werde es mir beweisen. Ich kann was.
Nun ist es Oktober 2006 und knapp 2 Monate her, dass die Ausbildung angefangen hat. Das erste mal in meinem Leben bin ich mitten drin. Ich stehe nicht am Rand der Klasse, ich stehe nicht draußen ich gehöre dazu. Ich habe viele lieb Menschen kennen und schätzen gelernt. Ich verbringe heute sehr viel Zeit mit meinen Freunden. Wir treffen uns sehr oft und unternehmen auch sehr viel und jedes mal gehöre ich dazu. Sei es das schwimmen gehen, oder die Partys. Niemand schämt sich mit mir gesehen zu werden, niemand lacht über mich und niemand schließt mich aus. Ich werde gefragt, ich werde eingeladen und ich bin einfach Teil einer großen Gemeinschaft. Ich bin ich und jeder akzeptiert mich so.
Manchmal frage ich mich wirklich wieso gerade jetzt. Wieso läuft auf einmal alles so gut? Ich bin glücklich. Alles ist so, wie ich es mir niemals erdacht hätte.
Ich habe einen liebevollen Partner, eine echt super Klasse, eine tolle Wohnung und natürlich auch total hilfsbereite und nette Freunde. Ich habe ein Leben, wie ich es mir immer erträumt habe. Aber womit habe ich es verdient? Ich weiß es nicht, aber irgendwie ist es mir auch egal. Mir ist nur wichtig:
Ich lebe, so wie ich will. Ich lebe allein und ich kann es.
Natürlich ist mir klar, dass ich niemals ganz gesund werde, natürlich sind bestimmte Symptome immer noch da. Aber ich weiß, dass ich mit ihnen leben kann. Ich kann nun mit ihnen umgehen, nicht sie bestimmen über mich, sondern ich über sie. Und auch meine Freunde versuchen immer mir zu helfen so gut sie können.
Ich habe das geschafft, was niemand von mir geglaubt hat.
Mein nächstes Ziel wird es sein, diese Ausbildung zu packen und gut abzuschließen. Ich weiß dass ich es kann.
Ich lerne jeden Tag dazu und ich kämpfe auch weiterhin jeden Tag um mein Glück. Aber heute merke ich, dass es einfach geworden ist. Ich verstehe nun mich und auch meine Gefühle und weiß endlich wieso ich so bin, wie ich bin.
Heute kann ich mit meiner Vergangenheit leben, ohne wieder ins Loch zu fallen.
Ich bin stolz auf mich, dass ich seid über einem halben Jahr mich nicht mehr selbst verletzte. Heute kenne ich andere Methoden um diesen Druck in mir abzubauen. Ich habe mir selbst kleine Brücken gebaut, über die ich gehen kann falls das Wasser mir mal doch zu tief erscheint.
Natürlich läuft selbst heute nicht immer alles so perfekt, wie ich es gern hätte. Auch zwischen meinem Freund und mir gibt es mal Zoff und auch mit dem Geld bin ich meist sehr knapp. Aber heute nimmt mich das nicht mehr so sehr mit. Nun weiß ich, dass es sich lohnt zu kämpfen.
Okay ich habe immer noch die gleichen Macken und Fehler wie früher und auch bezüglich meines Gewichtes hat sich nicht viel geändert. Aber ich versuche wenigstens mein Bestes.
Heute weiß ich, dass viele Menschen hinter mir stehen. Menschen, an die ich früher nie geglaubt habe und vor allem Menschen, die ich damals einfach übersehen habe. Aber auch Menschen die sonst tag täglich um mich herum waren. Meine Familie, Freunde, Verwandte und natürlich mein Freund. Alle halten zu mir und geben ihr Bestes um mir zu helfen.
Nun endlich weiß ich es. Jetzt endlich kann ich ihre Hilfe annehmen und lerne sie auch zu schätzen. Denn ich weiß, nicht alles ist immer selbstverständlich.
Doch manchmal habe ich einfach das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Nicht alles gegeben zu haben, oder alles falsch gemacht zu haben.
Gerade bei bzw. vor meinen Eltern habe ich das Gefühl. Mein Bruder war immer besser als ich. Nicht nur in der Schule, auch zu Hause. Er hatte Erfolg, Freunde, keine Probleme mit meinen Eltern und später dann auch eine gute Ausbildung und nun auch einen guten Job. Ich konnte diesen Ansprüchen nie genügen. Ich hatte nur „komische“ Freunde, keine richtigen Hobbys und natürlich auch in der Schule nicht so viel Erfolg. Ich brauchte zum Beispiel drei Anläufe um meinen qualifizierten Realschulabschluss zu machen. Ich habe nicht gleich einen Ausbildungsplatz bekommen und bis heute verdiene ich auch noch kein eigenes Geld.
Klar haben meine Eltern so hohe Ansprüche, schließen schaffen auch alle in der Familie und der Verwandtschaft diese Ansprüche. Nicht nur mein Bruder, sondern auch all seine Freunde und vor allem alle meiner Cousinen und Cousins. Fast jeder hat Abitur gemacht und Studiert etwas Sinnvolles. Fast alle haben eine Ausbildung gemacht und verdienen nun ihr eigenes Geld. Und vor allem, keiner hatte solche Probleme wie ich. Ich bin ein Sonderfall und bekomme das auch oft zu spüren.
Klar, ich sage ja gar nicht, dass ich nicht auch Fehler mache, das ist schließlich menschlich. Aber muss bei einem denn immer nur auf das Schlechte geschaut werden? Muss ich auch so erfolgreich sein wie mein Bruder?
Es ist ja nicht so, dass ich es nie versucht hätte. Ich habe Bewerbungen geschrieben, auch für Berufe, die ich gar nicht machen wollte. Ich habe Schulen angeschrieben und mich um einen Platz beworben, aber es ja nie geklappt.
Aber dafür bin ich der Meinung, habe ich andere gute Sache gemacht. Ich habe mich sozial engagiert und Menschen geholfen. Ich habe Kurse in der Schule besucht und auch so viel Soziales getan. Aber das hat meinen Eltern nie etwas bedeutet.
Wie stolz war ich damals, als ich bei den Johannitern anfing zu arbeiten und dort ehrenamtlich mitzuhelfen.
Wie stolz war ich auf meine bestandene Sanitätshelferausbildung. Oft habe ich erzählt von den Einsätzen oder von den Themen die wir gelernt haben und doch fehlte bei meinen Eltern oft das Interesse. Aber sobald mein Bruder anfing zu erzählen war alles natürlich total wichtig.
Klar, es war nichts fürs Leben was ich da tat, auch wenn ich das bis heute noch anders sehe. Aber muss man das so zeigen. Zählen denn immer nur der Beruf und der Erfolg?
Ich verstehe es einfach nicht. Ich war oft so stolz auf die Sachen die ich getan und geschafft habe, doch zu Hause war es nicht wichtig.
Ich will nicht sagen, dass meine Eltern mich nicht beachtet haben, oder mir keinen Respekt gezollt haben, aber doch war irgendwie mein Bruder immer etwas besser als ich.
Natürlich haben meine Eltern immer versucht mir das Beste zu geben, vielleicht war vieles von dem was sie taten und sagten auch nur lieb gemeint, aber vieles kam bei mir einfach anders an.
Ich hatte schon immer den Traum, eines Tages mit behinderten Menschen und vor allem Kindern zu arbeiten und schon immer hielten meine Eltern davon nicht viel.
Sie wollten mich lieber am Schreibtisch irgendeines Büros sitzen sehen. Einen anständigen Job mit einer guten Ausbildung. Doch meine Wünsche waren immer anders. Ich wollte das tun, worauf ich Lust hatte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dreißig oder vierzig Jahre auf einem Bürostuhl zu hocken und nur Papierkram erledigen. Ich brauche Menschen um mich. Ich will helfen, pflegen, unterstützen und betreuen.
Selbst heute, wo ich endlich einen Platz auf einer Fachschule für Heilerziehungspflege habe, halten meine Eltern immer noch nicht so viel davon. Oft fragen sie, ob es denn wirklich das richtig ist und sie bezweifeln sogar, dass ich diese Ausbildung schaffe. Aber ich weiß dass ich das kann und vor allem will.
Klar habe ich nicht einen so schönen Lebenslauf vorzuweisen wie mein Vater, mein Bruder, meine Mutter oder etliche von meinen Verwandten. Ich war nicht immer erfolgreich und habe nicht gleich alles geschafft, aber ist es nicht das wichtigste das ich eines Tages glücklich werde? Muss ich so sein wie all die anderen?
Klar, ich verdiene nichts bei dieser Ausbildung, das heißt meine Eltern müssen für mich zahlen. Aber was kann ich denn bitte dafür. Natürlich hätte ich mir schon längst einen Nebenjob suchen können und ich gebe auch zu, dass ich oft einfach zu faul dazu bin, aber das wird sich ändern. Ich will nicht ständig hören wie teuer ich bin. Ich werde mir etwas suchen. Auch wenn es nur wenig Geld ist, Hauptsache ich muss mich nicht für alles rechtfertigen.
Ich habe keine großen Ansprüche. Ich will keine großen Sprünge machen, ich will einfach nur leben und mir ab und an was gönnen können. Momentan kann ich das nicht, aber es ist auch meine eigene Schuld. Ich habe große Schulden durch mein Handy verursacht und versuche gerade mühselig diese Schulden abzubezahlen. Ich habe daraus gelernt und ich weiß dass ich es nie wieder machen werde. Aber ich bin anders herum auch stolz auf mich, dass ich trotz Schulden nicht auf der schiefen Bahn gelandet bin. Ich muss niemanden beklauen oder ähnliches. Ich zahle monatlich meine Raten und muss mit einem Minimum an Geld klar kommen. Logisch, es ist das Geld meiner Eltern aber macht es denn einen Unterschied, ob ich es bei einem Discobesuch verschwende, oder davon meine Rechnung abzahle?
Klar haben meine Eltern auch bei dem Thema totalen Stress gemacht. Ich wäre nicht erwachsen und würde allein nicht klar kommen. Ich würde daraus nicht lernen und sowieso nicht weit kommen.
Die ersten paar Monate nach der Riesen Handyrechnung habe ich meinen Eltern nichts gesagt. Ständig musste ich sie anlügen wo mein ganzes Geld hin ist und vor allem wieso ich von meinem Handy aus nicht mehr telefonieren konnte. Das ging ganz schön auf die Nerven. Ständig diese Lügerei, es tat mir vor allem auch sehr weh sie so anlügen zu müssen. Aber ich hatte totale Angst vor ihrer Reaktion. Doch nun habe ich es ihnen gesagt und ich weiß einfach nicht, ob es ein Fehler war.
Wir haben nun Ende November 2006. Bald ist Weihnachten. Eigentlich ein Fest der Liebe, aber dieses Jahr habe ich Angst davor. Ich habe sie schon wieder enttäuscht und genau das wollte ich eigentlich nicht mehr. Ich weiß einfach nicht wie ich fühlen und denken soll. Zum einen kann ich sie ja verstehen. Irgendwie wollen sie doch nur das Beste für mich und andersherum bin ich auch irgendwie ein bisschen sauer auf die beiden. Schließlich haben sie ein totales Theater gemacht und mir mal wieder gezeigt das ich nicht perfekt bin.
Oft fühle ich mich einfach ungerecht behandelt. Ich muss im Monat mit nicht gerade viel Geld auskommen und jede neue Anschaffung muss ich rechtfertigen und meist sogar noch um Geld bitten. Mein Bruder dagegen, wohnt zu Hause, verdient gutes Geld und muss so gut wie nichts bezahlen. Doch irgendwo im Hinterkopf ist mir gleichzeitig auch klar, das meine Eltern einfach ihr Möglichstes für mich tun, und doch kommen ab und an wieder solche Gedanken.
Selbst mit meiner Beziehung sind meine Eltern absolut nicht einverstanden. Sie halten nicht viel von meinem Freund und das zeigen sie mir auch oft genug. Na gut, er ist momentan Arbeitslos, aber bald fängt er wieder an zu arbeiten. Vielleicht sieht er auch nicht so gut aus, wie all die anderen Freunde meiner Cousinen. Aber das ist mir egal. Ich liebe ihn so wie er ist und ich will ihn auch nicht anders. Ich will mit ihm alt werden und wir wissen, dass wir eine gemeinsame Zukunft vor uns haben. Nur meine Eltern sehen natürlich alles wieder schwarz. Vor kurzem meine mein Vater zu mir, wir würden nie richtig Urlaub machen können, oder uns so einfach was gönnen. Aber woher will er das wissen. Vielleicht haben mein Vater und ich auch ganz andere Vorstellungen vom Leben. Ich brauche keine zwei Wochen Urlaub im vier Sterne Hotel. Ich wünsche mir nur eine Familie für die Liebe, Zusammenhalt, Schutz und Vertrauen keine Fremdwörter sind. Auch wenn wir vielleicht nur alle zwei oder drei Jahre in den Urlaub fahren können, Hauptsache wir sind Gesund und wir lieben uns. Wozu brauche ich zwei Autos vor der Tür wenn eines auch ausreicht?
Klar, ein bisschen Luxus wünscht sich jeder irgendwie. Aber wer weiß, vielleicht werden wir uns das eines Tages auch gönnen können. Ich stehe gerade mal am Anfang meines Lebens. Ich habe die ersten paar Schritte erfolgreich und eigenständig geschafft, und dann kommen der Reihe nach die anderen Schritte. Ich bin gerade mal zwanzig Jahre alt, wieso muss ich denn jetzt schon daran denken, was ich mir vielleicht in vier oder fünf Jahren gönnen will?
Alles der Reihe nach. Erst mal kommt jetzt meine Ausbildung und dann schauen wir mal weiter.
Nun ist April 2007 und ich bin wieder allein. Es ging mit meinem Freund einfach nicht mehr. Es tat mir so verdammt weh in verlassen zu müssen, ihm das letzte zu nehmen, was er noch besaß. Aber ich konnte nicht mehr. Die Beziehung mit ihm war zwar schön, aber sie tat mir auch oft verdammt weh. Ich musste viel lügen und betteln, damit wir zusammen über die Runden kamen. Er war arbeitslos, und nicht in der Lage sich um sich selbst zu kümmern. Ich bin selbst ein labiler Mensch, daher brauche ich jemanden, der für mich da ist, der mir hilft und mir zeigt was ich ihm wert bin. All das empfand ich gegen Ende der Beziehung nicht mehr. Ich wollte ihm nicht weh tun, aber ich merkte selbst dass es für mich das Beste ist. Es gibt Momente, in denen ich ihn sehr vermisse, aber gleichzeitig genieße ich meine neue Freiheit, meine Kraft für mich nutzen zu können und endlich alles zu tun, was ich vorher nicht tun konnte. Ich spüre seinen Schmerz, und es tut mir so verdammt weh und doch bin ich froh wieder nur für mich da zu sein.
Trotzdem war ich mir nach der Trennung nicht mehr sicher, ob es richtig war meine Heimatstadt zu verlassen. Ich fühlte mich zu dem Zeitpunkt einfach nur total einsam und lag abends oft wach und weinte. Mir fehlte nicht nur meine Familie, sondern auch die paar Freunde, die ich in der Stadt zurückgelassen hatte.
Oft weiß ich auch einfach nicht, ob es richtig war von dort weg zu gehen. Ich habe viele Freundschaften aufs Spiel gesetzt, viele verloren und auch einige gewonnen. Ich habe dort eigentlich alles zurück gelassen, was ich mir in meinem ganzen Leben aufgebaut habe. Ich musste in einer fremden Stadt noch einmal ganz von vorn anfangen. Ich habe damals nicht geglaubt, dass ich das jemals schaffen würde, aber jetzt glaube ich, dass ich es geschafft habe. Natürlich bleibt diese Stadt immer meine Heimat egal was passiert, aber wenn mich jetzt jemand fragt, wo ich mich wohler fühle, dann würde ich immer sagen in meiner eigenen Wohnung. Ich bin ich Mensch und hier kann ich sein wie ich will.
Am Anfang hatte ich echt totale Angst. Jeder kennt das wahrscheinlich. Man kommt aus einem gehüteten Umfeld wo man alles bekommen hat und sich um nichts kümmern musste auf einmal in eine irgendwie doch riesige Welt. Für mich war einfach alles neu und doch auch verwirrend. Das lag wohl auch daran, dass ich immer Probleme damit hatte neue Freunde zu finden und einfach mal von mir aus initiative zu ergreifen. Ich hatte Angst in dieser großen Stadt unter zu gehen und niemand zu finden. Doch heute weiß ich, dass ich es geschafft habe. Ich habe vielleicht nicht viele Freunde, aber dafür gute. Ich merke auch selbst das ich viel Selbstbewusster geworden bin als früher. Heute mache ich genau das, was ich will. Egal was andere Menschen darüber denken. Ich habe begriffen, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen muss, wenn man etwas ändern will. Man kann nur sich selbst verändern und nicht die anderen Menschen.
Ich wurde mal gefragt wo ich mich frei fühle. Lange habe ich über diese Frage nachgedacht und irgendwann fiel mir dann auch eine passende Antwort ein. Frei fühle ich mich beim Zug fahren. Wieso gerade da ? Vielleicht darum, weil ich dann hinfahren kann wo und wann ich will.
Ich bin viel im Zug unterwegs. Nicht nur zu meinem Freund oder zu meinen Eltern, sondern auch einfach so. In den Sommerferien hole ich mir regelmäßig ein Zugticket für die Ferien und fahre einfach hin, wo ich will. Irgendwie tut mir das einfach sehr gut. Zug fahren ist für mich die totale Freiheit. Ich liebe es die Landschaft an mir vorbeirasen zu sehen und zu wissen, dass ich jederzeit aussteigen kann und dort bleiben kann wo ich gerade bin.
Durch meine Ausbildung bleibt mir leider nicht mehr allzu viel Zeit zum reisen, aber das hole ich nach, wenn ich fertig bin.
Einmal in meinem Leben möchte die richtig groß Urlaub machen. Ich möchte einmal in meinem Leben nach Amerika, Afrika und Schweden oder Norwegen.
Diese Länder reizen mich sehr und ich weiß, dass ich eines Tages mal dort hinfahren werde. Egal wie.
Nun schreiben wir November 2007. Beruflich absolviere ich gerade das zweite Lehrjahr zur Heilerziehungspflegerin, privat genieße ich die Zeit bei meinem Freund, bei meinen Freunden und auch ab und an allein. Von August bis Oktober 2007 war ich mal wieder eine Zeitlang stationär im Landeskrankenhaus, doch ich bin sehr froh das es mir seit dem sehr sehr gut geht. Ich genieße mein Leben, meine Ausbildung und einfach das Leben. Ich mache was ich will und ich schäme mich nicht mehr für alles. Ich lebe mein Leben so wie ich es will und genau das war immer mein Traum gewesen.
Heute schreiben wir den 15.07.2008. Seit ein paar Tagen sind endlich die großen Sommerferien, und ich habe damit nun das 2 Lehrjahr meiner Ausbildung erfolgreich beendet. Ich bin stolz auf mich es trotz vieler Fehlzeiten und eines Klinikaufenthaltes am Anfang des Schuljahres so erfolgreich geschafft zu haben. Ich bin endlich mal richtig zufrieden mit mir.
Momentan verweile ich für einige Tage bei meinem Freund D. in Mainz. Wir sind nun seit fast einem halben Jahr ein glücklichs Paar. Kennen und lieben gelernt haben wir uns im Internet. Ich bin so froh das ich ihn habe. Er ist ein lieber, gut aussehender 30-jähriger Medizin-Student, der weiß was er will und der mich einfach liebt so wie ich bin.
Ich hätte niemals geglaubt, eines Tages so glücklich sein zu können. Ich habe mich immer auf die Schattenseiten des Lebens gestellt, bin immer davon ausgegangen ich hätte so viel Glück nicht verdient, aber nun weiß ich das es Qautsch ist. Ich darf genauso glücklich sein wie all die anderen Menschen auch.
Ich genieße die Zeit mit meinem Freund sehr. Endlich habe ich jemanden gefunden, der mich liebt so wie ich bin und der selbst mit beiden Beinen fest im Leben steht. Ich weiß, genau das habe ich schon oft gesagt aber nun weiß ich einfach das es stimmt.
Fragt mich nicht warum, aber ich weiß aus einem tiefen, inneren Gefühl das er der Mensch ist, mit dem ich Alt werden möchte. Ich sehe meine bzw. unsere Zukunft so klar vor Augen, dass es einfach richtig sein muss. Wir wollen beide später das selbe. Wir wollen eine kleine glückliche Familie in einem kleinen süßen Haus, irgendwo außerhalb von Deutschland. Ich kann ihn mir einfach so super als Mann und vor allem als Papa vorstellen.
Ich kann meine Gefühle für ihn einfach nicht beschreiben. Es ist nicht nur Liebe, es ist einfach mehr. Ich vertraue ihm blind, ich kann bei ihm so sein wie ich bin und er gibt mir all das, was ich brauche und mir wünsche. Aber auch anders herum ist es so. Ihn bei mir zu haben tut einfach so unendlich gut.
Ich weiß wir haben gerade mal 6 Monate mit einander geschafft, aber ich weiß es wird ein Leben lang halten. Er ist genau das, was ich immer wollte.
Ich liebe ihn sehr.
Auch die anderen Bereiche in meinem Leben laufen endlich wieder etwas besser. Nun wo endlich Sommerferien sind kann ich auch endlich mal entspannen, was mir sehr gut tut. Zur Zeit bin ich noch bei meinem Freund, aber in ein paar Tagen fahre ich zu meiner Familie um auch dort ein paar schöne Tage zu verbringen. Anschließend im August fahren mein Freund und ich dann für 2 Wochen nach Schweden, wo wir uns eine süße kleine Hütte gemietet haben. Endlich einfach mal Ruhe haben, abschalten können und sich einfach fallen lassen. Ich freue mich sehr auf den Urlaub und ich bin vor allem meinen Eltern sehr dankbar, das sie uns diesen Urlaub finanziell ermöglichen. Unsere Verhältniss hat sich arg gebessert.
Zur Zeit telefonieren wir eigentlich fast jeden Tag und quatschen auch einfach nur mal so. Es tut gut zu wissen das meine Familie hinter mir steht und das es meine Eltern interessiert was ich tu und wie alles so läuft. Ich bin froh diese Eltern zu haben, auch wenn es wie gesagt nicht immer leicht war.
Ich glaube auch meine Eltern sind sehr glücklich darüber das ich bis jetzt alles so geschafft habe, gerade in Bezug auf die Ausbildung und die tolle Beziehung zu meinem Freund. Sie sind sehr froh das ich endlich jemanden habe, der mich wertschätzen kann.
Psychisch gesehen geht es mir Momentan so mittelmäßig. Eigentlich bin ich gut drauf, ich genieße die Zeit und meine Gedanken sind meist positiv, aber ab und an, gerade wenn Erinnerungen hoch kommen oder Sachen da sind die mich triggern geht es leider wieder schnell Berg ab. Ich fühle mich dann oft wieder anders, einsam, leer und nutzlos. Solche Gedanken kommen auch, wenn ich bei meinem Freund bin. Ich frage mich häufig, wie er mich bloß lieben kann, vor allem in Momenten wo wir unterwegs sind und ich andere junge, schlanke Frauen sehe. Aber auch zu Hause werd ich manchmal nachdenklich und traurig, meist dann wenn ich mich im Spiegel sehe, dann hasse ich mich mal wieder.
Auch in meiner eigenen Wohnung fühle ich mich leider zur Zeit nicht wirklich wohl. Aufgrund einer Auseinandersetzungen mit meiner Nachbarin habe ich Angst und fühle mich dort nicht mehr sicher. Gerade dieser Stress in der letzten Zeit hat oft dazun geführt das ich wieder mit alten Verhaltensweisen wie dem übermässigen trinken und essen angefangen habe. Ich hoffe das dieser Stress bald vorbei ist, denn er zieht mich arg runter.
Ansonsten geht es mir eigentlich so wie immer. Meist glücklich und voller Lebensmut und Träumen für die Zukunft, aber ab und an halt auch voller Angst, Hass und Selbstzweifel. Ich weiß das ich diese Gefühlsausbrüche und dieses Chaos in meiner Gefühlswelt niemals ganz los werd, aber ich kann lernen damit um zu gehen und ich denke gerade dabei ist es hilfreich einen so liebevollen Partner an der Seite zu haben.
Er unterstütz mich so gut er kann und ich finde es sehr positiv das er sich mit meiner Krankheit auseinander setzt und versuchen will sie zu verstehen damit er mir helfen kann. Bei ihm kann ich endlich lernen, ich selbst zu sein, gerade auch im sexuellen Bereich.
Viele Jahre und gerade auch in vielen Beziehungen habe ich nie wirklich gesagt oder gezeigt was ich wollte oder was ich nicht wollte. Ich habe einfach alles mit gemacht, hauptsache ich kränke oder verletzte den anderen nicht. Durch diese Verhaltensweise habe ich mir vieles selbst kaputt gemacht und mir die Lust im sexuellen Bereich arg zerstört. Heute bin ich froh, das ich einen Partner habe, der mich gerade auch in diesem Bereich unterstütz. Bei ihm kann ich sagen was ich will und was nicht, ohne das Gefühl zu haben ihm etwas nicht Recht zu machen.
Egal was ich sage, er akzeptiert es und darüber bin ich sehr froh, weil ich nun endlich über mich und vor allem über meinen Körper bestimmen kann.
Ich hoffe es wird noch lange so gut in meinem Leben weiter laufen.